Aus: Carol Bowman
»MAMA, ICH WAR SCHON EINMAL ERWACHSEN!«
INHALT
TEIL EINS – GESCHICHTEN AUS FRÜHEREN LEBEN
1 Chase und Sarah
»Sag mir, was du siehst ...« • Der Vorfall am Unabhängigkeitstag
• Chase sieht Krieg • Puppen unter dem Bett • Neue Informationen
tauchen auf • »Hühner laufen frei herum.« xxx æ Die
Schalen der Zwiebel
2 Vorspiel
»In meinem Ende liegt mein Anfang ... bewusst zu sein heißt, nicht
in der Zeit zu sein.« • Meine Beerdigung • »Am ruhenden
Punkt der sich drehenden Welt ...« • Der Mensch hinter dem bemerkenswerten
Talent • Zerbrochene Träume und verschwundene Jahre • »Ich
bin mehr als mein Körper.« • »Nur durch Zeit wird die Zeit
besiegt.«
3 Überlegungen auf dem Spielplatz
Was können sie uns erzählen? • Viele neue Ideen • »Ein
gefährliches Gebiet«
4 Der Augenblick des Todes
Unerledigte Angelegenheiten sind die treibende Kraft hinter den Erinnerungen
• Dr. Helen Wambach, angesehene Psychologin • Die Geschichte von der
vierzinkigen Gabel • Die Todeserfahrung in der menschlichen Geschichte •
Hinweise auf eine therapeutische Wirkung • Dr. Fiores Entdeckung •
Erinnerungen an frühere Tode • Dr. Roger Woolger: Die Suche nach Seele
und Geist • Klare Heilerfolge • Eine Vielzahl von Problemen •
Warum so viel Tragik? • Den Rahmen der Psychologie erweitern • Der
Augenblick des Todes • Der Augenblick des Todes in der Therapie
5 Trance ist einfach
Die äußere Welt zurücklassen • »Ich hasse das
Lager.« • Sarah, die Herrscherin • Schmutzige Zehen •
Eine aufregende Woche • Zweifache spontane Erinnerung
6 Professor Ian Stevenson
Gerüchte von einer Goldmine • »Wer überlebt den körperlichen
Tod?« • Der Reinkarnations-Detektiv • Swarnlatas Geschichte
• Frühere Leben und heutiges Verhalten • Ravi Shankar erkennt
seine Mörder • Muttermale und angeborene Missbildungen • Credo
• Es kommt nicht auf die Beweise an • Muster, die sich aus der Datenmenge
herauskristallisieren • Ein natürliches Phänomen
7 Wenn Kinder sich an frühere Leben erinnern
Jede Mutter hätte das tun können • Noch mehr kleine Zeitreisende
• Die Blumenleute • Kinder erinnern sich an ihren Tod • Die
Ninja-Nacht • Englische Knirpse erinnern sich ... •... und ihre Mamis
hören zu • Geschichten aus dem Kinderbett • Nicolas Katharsis
• Eltern vervollständigen das Puzzle • Abenteuer bei der Tagung
• Tineke Noordegraaf • Schmetterlinge und Oprah
8 Blake
Lebenserfahrene Seelen in kleinen Körpern • Der Schritt an die
Öffentlichkeit • Tiius Liia • »Mann hat mich mit Lastwagen
überfahren.« • »Ich liebe dich, dann hasse ich dich.«
• Eine plötzliche Erkenntnis • »Wir haben unseren Blake
zurück.«
9 Auf nach Chicago!
Ein Energiestrahl • Mein Plan gegen die Angst • Blitzschlag und
Eis • Im falschen Ordner abgelegt • Arbeit rund um die Uhr •
Namen und Daten • Chicago wartet! • Gezeichnete Erinnerungen •
Verschneiter Empfang • Erinnerung an einen früheren Auftritt •
Auf Sendung mit inspirierenden Ideen • Das alte Paradigma der Psychologie
wird verteidigt • Das war erst der Anfang
TEIL ZWEI – WENN KINDER SICH AN FRÜHERE LEBEN ERINNERN
EIN PRAKTISCHER RATGEBER FÜR ELTERN
10 Die vier Erkennungsmerkmale
Erkennungsmerkmal 1: sachlicher, ruhiger Tonfall • Erkennungsmerkmal
2: keine inhaltlichen Widersprüche bei wiederholtem Erzählen •
Erkennungsmerkmal 3: Wissen, das über die gegenwärtige Lebenserfahrung
des Kindes hinausgeht • Silberne Zähne • Justin • Der kleine
rote Wagen • Courtney • Erkennungsmerkmal 4: zu dem früheren
Leben in Bezug stehende Verhaltensweisen und Charakterzüge • Tommy,
der Seemann • John van Dyk
11 Auslöser
Orte als Erinnerungsauslöser • Pierce Hall • Der Zustand
des Kindes • Der Bewusstseinszustand der Mutter • Sandy • Telepathie
zwischen Mutter und Kind • Elona, Anna und Seth
12 Was Eltern tun können
Bewahren Sie Ruhe • Erkennen Sie an, was das Kind sagt • Hören
Sie sehr genau zu • Fakten und Gefühle erkennen und richtig bewerten
• Sagiv (1. Teil) • Unerlöste Themen und Bedürfnisse erkennen
• Die Eltern sind nicht an allem schuld • Emotionen zulassen •
Sagiv (2. Teil) • Unterscheiden Sie zwischen Vergangenheit und Gegenwart
• Natalie • Wenn die Erinnerungen sich allmählich entfalten •
Machen Sie sich Notizen • Noch einmal John van Dyk
13 Träume aus der Vergangenheit
Wenn Träume von früheren Leben handeln • Traumsignale •
1. Lebendigkeit und Realismus • 2. Wiederholung • 3. Rollenwechsel
• Heilsame Albträume • Mary und die Bomben • Albträume
wörtlich nehmen • Dana Grabiner • Zähneknirschen –
eine Erfolgsgeschichte • Telepathie zwischen Mutter und Kind in Träumen
• Dr. Gladys McGarey
TEIL DREI – WAS DIE KINDER UNS ZU SAGEN HABEN
14 Erwachsene und ihre Religion
Reinkarnation als reales Phänomen • Eine allgemein verbreitete
spirituelle Vorstellung • Dogma und menschliche Wahrheit • Victoria
Bragg und das Neue Testament • Das Buch des Glanzes • »Ja, Gott
existiert!«
15 Der Tod ist ein neuer Anfang
Wenn ein Kind stirbt • Die Macht des Gebetes • Jennifer und Gillian
Pollack • Rückkehr in die Familie • Randy Swiger
16 Was die Kinder uns zu sagen haben
Die Kinder mit anderen Augen sehen • Anfängergeist • »Eine
klare, fest gefügte Weltsicht« • Chase und Sarah
Danksagung
Anmerkungen
Bibliografie
Über die Autorin
AUS KAPITEL EINS: DER VORFALL AM UNABHÄNGIGKEITSTAG
Jedes Jahr feierten wir den Unabhängigkeitstag mit einer großen Party
in unserem Haus, das nur wenige Schritte von jenem Ort entfernt lag, wo man in
Asheville den besten Blick auf das Feuerwerk der Stadt hatte. Unsere Freunde und
ihre kleinen Kinder versammelten sich zu einem Nachmittag des Picknickens und
Feierns in unserem Garten. Der Höhepunkt der Party war jedes Mal ein gemeinsamer
Spaziergang den Hügel hinunter zum gemeindeeigenen Golfplatz, um von dort
das großartige Feuerwerk zu verfolgen.
Als die Sonne hinter die Bäume sank, wussten wir, dass es an der Zeit war,
die Kinder zusammenzurufen und uns auf den Marsch den Hügel hinunter vorzubereiten.
Ich schnappte mir Chase, als er an mir vorbeirannte, wusch ihm Kuchen und Eiskrem
aus dem Gesicht und zwang ein sauberes Hemd über seinen zappelnden Körper.
Mit Decken und Taschenlampen ausgerüstet, schlossen wir uns dem Zug der Menschen
an, die auf unserer Straße hinunter zum Golfplatz strömten.
Chase zerrte hüpfend an meinen Arm. Die älteren Mädchen, darunter
Sarah, meine neunjährige Tochter, bildeten ihre eigene kichernde Prozession.
Wir erreichten unseren bevorzugten Aussichtspunkt gerade, als die Sonne in der
Ferne hinter den Blue Ridge Mountains unterging, und breiteten auf einem strategisch
günstigen Hang unsere Decken aus.
Von dort beobachteten wir, wie die neun Fairways unterhalb sich mit Menschen füllten.
Bald sah man überall Decken und Liegestühle. Als der Himmel dunkler
wurde, zündeten die Jungen und Männer Kracher an und ließen Leuchtkugeln
steigen, so dass das Tal sich mit Blitzen, Knallerei und Rauch füllte. Unsere
Kinder winkten mit Wunderkerzen, zeichneten leuchtende Kreise und Zickzackspuren
in die Dämmerung; Leuchtkäfer tanzten und signalisierten blinkend ihre
Zustimmung.
Chase, vollgepumpt mit Aufregung und Zucker, rannte mit seinen Freunden den Hügel
hinauf und hinunter, bis ihm schließlich die Puste ausging und er sich erschöpft
in meinen Schoß fallen ließ.
Plötzlich hallten die kanonenartigen Donnerschläge, die den Beginn des
Feuerwerks ankündigten, von den Hügeln wider. Der Himmel leuchtete auf
und füllte sich mit krachend zerplatzenden Sternen. Die Menge begleitete
die leuchtend bunten Farbkaskaden am schwarzen Himmel mit lauten Ooohs und
Aaahs. In so großer Nähe die Schüsse und Detonationen
zu hören steigerte die aufregende Intensität der Show.
Doch statt sich zu freuen, fing Chase an zu weinen. »Was ist los?«,
fragte ich. Er konnte nicht antworten; er wimmerte nur noch heftiger und lauter.
In dem Glauben, er sei ganz einfach völlig übermüdet und von dem
Lärm überrascht worden, drückte ich ihn an mich. Aber sein Weinen
wurde stärker und verzweifelter. Auch nach Minuten beruhigte er sich nicht
wieder, sondern seine Hysterie verschlimmerte sich immer mehr. Ich wusste, dass
ich ihn nach Hause bringen musste, weg von dem Lärm und Trubel. Ich sagte
Steve, meinem Mann, dass ich mit Chase vorausgehen würde.
Die kurze Strecke nach Hause kam mir sehr lang vor. Chase schluchzte so heftig,
dass er nicht laufen konnte; ich musste ihn den ganzen Weg den Hügel hinauf
tragen. Doch selbst, als wir zu Hause eintrafen, weinte er immer noch. Ich hielt
ihn in einem Schaukelstuhl auf der Veranda auf dem Schoß, in der Hoffnung,
er würde sich wieder beruhigen. Als sein Weinen so weit nachgelassen hatte,
dass ich ihn fragen konnte, ob er krank sei oder sich wehgetan habe, schluchzte
er nur und schüttelte den Kopf. Als ich ihn fragte, ob der Lärm ihn
erschreckt hätte, weinte er sofort wieder heftiger.
Ich konnte nichts weiter tun, als ihn in den Armen zu wiegen, während ich
die lautlose Flugschau der Leuchtkäfer in unserem Garten beobachtete. Chase
beruhigte sich allmählich wieder und kuschelte sich an mich. Schließlich,
als meine Arme zu steif wurden, um ihn noch länger zu halten, schlief er
ein, und ich brachte ihn ins Bett.
Chases ungewöhnliches Verhalten erschien mir rätselhaft. Nie zuvor in
seinem kurzen Leben hatte er so lange oder heftig geweint. Und nie zuvor hatte
er sich vor einem Feuerwerk gefürchtet. Der ganze Vorfall schien ungewöhnlich
zu sein, denn Chase war ansonsten alles andere als ängstlich. Ich machte
mir damals jedoch keine weiteren Gedanken mehr, sondern sagte mir, dass er vermutlich
lediglich von dem langen Tag erschöpft gewesen war oder vielleicht zu viele
Süßigkeiten gegessen hatte – solche Dinge kommen bei Kindern
schließlich hin und wieder vor.
Doch einen Monat später geschah es erneut. An einem heißen Augusttag
1988 luden uns Freunde zu einem Kühlung verschaffenden Besuch im Hallenbad
ihres Wohnortes ein. Chase liebt das Wasser und konnte es kaum erwarten, ins Becken
zu springen. Als wir jedoch in den Badebereich kamen – wo Gejohle, Platschen
und das Geräusch des Sprungbretts die große Halle erfüllten –,
fing er hysterisch zu weinen an. Heulend und kreischend klammerte er sich mit
beiden Händen an meinen Arm und zerrte mich zur Tür. Beruhigend auf
ihn einzureden war vergeblich; er zerrte nur noch fester. Ich gab auf und ging
mit ihm nach draußen.
Wir fanden einen Stuhl im Schatten. Ich hielt Chase im Arm und fragte ihn, was
ihn so beunruhige. Er konnte es mir nicht sagen, aber er war ganz offensichtlich
tief verstört. Etwas jagte ihm große Angst ein. Schließlich beruhigte
er sich, aber selbst als er zu weinen aufgehört hatte, konnte ich ihn nicht
dazu überreden, wieder in die Schwimmhalle zurückzugehen.
Ich dachte an den Vorfall am Vierten Juli. Das von den Hügeln widerhallende
Donnern des Feuerwerks hatte seinen ersten hysterischen Anfall ausgelöst.
Mir wurde klar, dass der Lärm des Sprungbrettes, der von den kahlen Wänden
der Schwimmhalle zurückgeworfen wurde, ähnlich klang. Ich fragte Chase,
ob er Angst vor lauten Geräuschen hätte. Er nickte schüchtern,
mochte aber immer noch nicht in die Nähe des Schwimmbeckens gehen.
Das war es also – donnernde, krachende Geräusche! Aber warum fürchtete
sich Chase plötzlich so davor? Ich erinnerte mich nicht, dass ihm je irgendetwas
zugestoßen war, das eine so heftige Reaktion auf derartige Geräusche
hätte erklären können. Und nun war es innerhalb eines Monats schon
zum zweiten Mal geschehen. Seine Furcht schien aus dem Nichts gekommen zu sein.
Würde das in Zukunft öfter geschehen, jedes Mal wenn Chase ein lautes
Geräusch hörte? Ich begann, mir Sorgen zu machen! Daraus konnte ein
ernstes Problem entstehen, besonders wenn ich nicht in der Nähe war, um ihn
zu trösten, wenn er das nächste Mal hysterisch wurde. Ich wusste nicht,
was ich tun sollte, außer abwarten und hoffen, dass seine mysteriöse
Angst wieder verschwinden würde, wenn er größer wurde.
Ein paar Wochen später hatten wir das Glück, Norman Inge bei uns zu
Gast zu haben, einen wundervollen Menschen und erfahrenen Hypnotherapeuten. Norman
wohnte bei uns, während er in Asheville Workshops durchführte, die sich
mit Rückführungen in frühere Leben befassten. Er gab Privatsitzungen
für einige meiner Freundinnen. Wir begannen gerade damit, uns mit diesen
Rückführungen zu beschäftigen, wobei Norman als unser Lehrer fungierte.
Eines Nachmittags saßen Norman, Chase, Sarah und ich bei Tee und Gebäck
um den Küchentisch herum und lachten über die Geschichten, die Norman
uns erzählte. Dabei erinnerte ich mich an Chases irrationale Angst vor lauten
Geräuschen und erkundigte mich nach Normans Meinung dazu. Er hörte sich
meine Geschichte an und fragte dann, ob Chase und ich zu einem Experiment bereit
wären. Obgleich ich nicht genau wusste, was Norman beabsichtigte, vertraute
ich ihm und wusste, er würde einfühlsam genug sein, um meinen kleinen
Sohn nicht zu überfordern. Und da Chase so begierig wie ich selbst darauf
war, dieses Problem zu lösen, stimmten wir beide einem Versuch zu.
Bis zu diesem Moment war ich nie auf den Gedanken gekommen, dass sich auch Kinder
an frühere Leben erinnern könnten. Norman begann gleich, noch während
wir am Küchentisch saßen – und dieser Augenblick wurde, wie ich
erst später begriff, zu einem Wendepunkt in meinem Leben.
AUS KAPITEL SIEBEN: NICOLAS KATHARSIS
Nicolas Geschichte faszinierte mich ganz besonders, weil es sich um einen Fall
handelt, bei dem eine Katharsis und Heilung beschrieben wird.
An ihrem zweiten Geburtstag bekam Nicola von ihren Eltern einen kleinen Spielzeughund
geschenkt. Sie wurde ganz aufgeregt und sagte ihrer Mutter, er erinnere sie an
ihren Hund Muff, den sie »früher gehabt hätte«. Kathleen,
Nicolas Mutter, fand diese Phantasie ihrer Tochter amüsant, vergaß
den Vorfall aber bald wieder. Doch in den folgenden Tagen fiel ihr auf, dass Nicola
sich häufig mit ihrem Spielzeughund unterhielt und ihn fragte, ob er sich
erinnerte, wie viel Spaß sie früher zusammen gehabt hätten. Kathleen
erschien es sehr ungewöhnlich, dass Nicola so lange an dieser »Fantasie«
festhielt.
Eines Tages fragte Nicola ihre Mutter ganz unvermittelt, warum sie diesmal kein
Junge sei wie damals, als Mrs. Benson ihre Mami gewesen wäre und sie mit
Muff gespielt hätte. Als Kathleen daraufhin Nicola ermunterte, ihr mehr zu
erzählen, sprudelte die Erinnerung an das frühere Leben geradezu aus
ihrer Tochter heraus.
Sie sagte, ihre Familie hätte in einem grauen Steinhaus gewohnt, das sich
»in der Mitte von vier dicht an dicht in einer Reihe stehenden Häusern«
befunden hätte, nahe bei einer Bahnlinie. Ihre Mutter trug lange Röcke
im gleichen viktorianischen Stil wie die Kleider von Nicolas Puppe. Sie hätten
in Haworth gelebt; sie hätte mit ihrem Hund die Felder in der Nähe des
Hauses durchstreift, und ihre »andere Mami« hätte sie immer gewarnt,
nicht in der Nähe der Bahnlinie zu spielen. Dennoch hätte sie eines
Tages auf den Gleisen gespielt. Plötzlich, sagte sie, »kam ein Zug
ganz schnell heran und überfuhr mich«. Männer brachten sie ins
Krankenhaus. Dort, erzählte sie, »schlief ich ein und starb, und ich
sah Gott im Himmel, ehe ich geboren wurde. Aber ich starb nicht wirklich. Stattdessen
kam ich zu dir und du bist jetzt meine andere Mami.«
Die Geschichte klang so überzeugend, dass Kathleen mit der kleinen Nicola
in das nicht weit entfernte Haworth fuhr, um zu sehen, ob ihre Tochter dort etwas
wiedererkennen würde. Weder Nicola noch Kathleen waren je in Haworth gewesen,
doch sobald sie dort eintrafen, sprang Nicola durch Straßen und unbeschilderte
Wege und führte ihre Mutter zum Stadtrand, bis sie vor dem Haus standen,
das sie zuvor beschrieben hatte: ein Haus in der Mitte von vier aneinandergebauten
grauen Stein¬häusern. Alles entsprach genau Nicolas Beschreibung, einschließlich
der in der Nähe liegenden Felder und der Bahnlinie.
Kathleen überprüfte die Reinkarnationserinnerung ihrer Tochter. Da Nicola
einen Namen und eine Adresse angegeben hatte, beschloss sie, im örtlichen
Kirchenregister nachzuschauen. Als sie die vergilbten Blätter des alten Gemeinderegisters
durchblätterte, setzte ihr Herz einen Schlag aus. Sie fand dort die Familie
Benson aufgelistet (ein in jener Gemeinde seltener Name). Sie hatten einen Sohn,
der 1875 geboren war. Doch beim nächsten Zensus, sechs Jahre später,
war dieselbe Familie Benson mit zwei kleinen Mädchen im Alter von drei Jahren
und von sechs Monaten registriert – der Sohn war nicht mehr eingetragen!
Da in dem Register stets alle Familienmitglieder vermerkt wurden, schloss Kathleen,
dass der kleine Junge, an den Nicola sich erinnerte, im Alter von fünf bis
sechs Jahren gestorben sein musste.
Nicolas spontane Erinnerungen konnten also von ihrer Mutter verifiziert werden.
Aber ihre Geschichte geht über das Erinnern nachprüfbarer Einzelheiten
hinaus.
Eines Abends, kurz nach ihrem Ausflug nach Haworth, saß Nicolas Familie
vor dem Fernseher und schaute sich einen Film an. Ein Zug kam ins Bild, der auf
den Gleisen herandonnerte. Sofort wurde Nicola hysterisch, warf sich auf den Boden,
strampelte heftig und schnappte nach Luft. Kathleen rannte zu ihrer Tochter, die
immer wieder rief: »Der Zug! Der Zug!« Kathleen schaltete den Fernseher
aus. Sofort hörte Nicola auf zu schreien, weinte aber noch immer. Kathleen
begriff, dass der Anblick des Zuges Nicola an ihren früheren Tod erinnert
haben musste. Nicola erlebte diesen schrecklichen Tod erneut. Da sie verstand,
was geschah, ließ Kathleen sie sich einfach in ihren Armen ausweinen, ohne
ihr die Angst vor dem Zug auszureden. Nach einer Weile beruhigte sich Nicola wieder
völlig.
Danach hatte Nicola nie wieder Angst vor Zügen. Im Alter von fünf Jahren
erinnerte sie sich kaum noch an ihr Leben als Junge der Bensons – mit einer
Ausnahme. Ihren damaligen Hund Muff vergaß sie nie.
Nicolas Fall war außergewöhnlich, weil der ganze Vorgang spontan und
natürlich ablief. Er vollzog sich in seinem eigenen Rhythmus, ohne Intervention
von außen. Solche Heilungsprozesse fanden bei Ian Stevenson keine Erwähnung.
Und auch Peter und Mary Harrison gingen auf die heilende Wirkung der Erinnerungen
weder bei diesem noch bei den anderen von ihnen beschriebenen Fällen ein.
Sie übersahen ganz offensichtlich das, was mir an Nicolas Fall am bemerkenswertesten
erschien. Warum? Seit Chase und Sarah bei mir in der Küche Norman Inge begegnet
waren, hatte ich mich bemüht, die einzelnen Stücke des Puzzles kindlicher
Reinkarnations¬¬erinnerungen zusammenzusetzen. Diese Geschichte Nicolas,
diese Idee, dass spontane Erinnerungen auf natürliche Weise heilsam
sein können, war das letzte Stück, das mir noch gefehlt hatte, um das
Puzzle zu vervollständigen. Jetzt fügten sich alle Teile zusammen und
ergaben einen Sinn. Ich trat einen Schritt zurück und betrachtete bewundernd
das fertige Bild. Es sah folgendermaßen aus:
Jedes Kind, überall auf der Welt, kann sich an frühere Leben erinnern,
unabhängig von den kulturellen und religiösen Vorstellungen der Eltern.
Die meisten dieser Erinnerungen verursachen keine Probleme. Sie sind gutartig
und helfen, die Talente, das Temperament und bestimmte Eigenarten im Verhalten
des Kindes zu erklären. Und, wie die Harrisons gezeigt haben, können
sie den Glauben der Eltern bezüglich Tod und Leben für immer verändern.
Denn indem kleine Kinder uns ihre Erinnerungen mitteilen, lehren sie uns Erwachsene
etwas, das wir vergessen haben: Das Leben endet nicht mit dem Tod.
Manchmal haben Kinder jedoch beunruhigende Erinnerungen, die Probleme verursachen
können, etwa Phobien oder körperliche Beschwerden. Diese Kinder brauchen
unter Umständen Hilfe, um einen Trennstrich zwischen der Vergangenheit und
der Gegenwart zu ziehen: Man muss ihnen die Erkenntnis vermitteln, dass das frühere
Leben vorüber ist. Deutet die Erinnerung darauf hin, dass ein Problem aus
der Vergangenheit ungelöst ist, benötigen die Kinder möglicherweise
Hilfestellung dabei, dieses Problem zu ergründen und abschließend zu
klären. Sie müssen erneut zu ihren Gedanken und Gefühlen im Moment
des Todes geführt werden, um eine Aussöhnung mit diesem Erlebnis zu
ermöglichen.
Bei manchen Kindern ist es sogar noch einfacher. Ich vermute, dass es bei manchen
Fällen genügt, wenn die Eltern einfach die Wahrheit der Erinnerung anerkennen
und sie dem Kind nicht auszureden versuchen. Dann kann diese Episode im Leben
des Kindes ihren ganz natürlichen Verlauf nehmen, wie es Nicolas Fall sehr
anschaulich zeigt.
Ganz gleich, ob die Erinnerungen gutartig oder belastend sind, sie bieten den
Eltern eine Gelegenheit, ihren Kindern zu helfen. Der beste Zeitpunkt, die Reinkarnationserinnerung
eines Kindes zu akzeptieren, ist jener Moment, wenn sie zum ersten Mal auftaucht,
wobei die Eltern fast immer zugegen sind. Sie sind es, die mit ihrer liebevollen
Unterstützung das Kind ermutigen können. Doch sie können ihm nur
helfen, wenn sie eine Erinnerung an ein früheres Leben tatsächlich anerkennen.
Wenn sie darauf mit ablehnendem Unglauben reagieren, ist das nicht möglich.
Die Chance bleibt ungenutzt, oder das Kind wird so entmutigt, dass die Erinnerung
vielleicht nie wieder an die Oberfläche kommt.