Aus
»GEBURT EINER OFFENBARUNG«
von Mark Kulieke
Ein oft übersehener Faktor ist wahrscheinlich die Tatsache, dass nicht nur
Dr. Sadler, sondern die gesamte Kontaktkommission nicht zu mystischen oder übersinnlichen
Erfahrungen neigte. Obwohl sie ein halbes Jahrhundert lang einige ausgesprochen
ungewöhnliche Begebenheiten erlebte und bezeugte, hat sie diese Erlebnisse
nicht aktiv erbeten. Sie konnte die Kontakterfahrungen nie von sich aus in Gang
setzen oder irgendetwas tun, um die Wahrscheinlichkeit eines Kontakts zu erhöhen.
Im Gegenteil, sie verbrachte einen Großteil ihrer Zeit damit, den ganzen
Vorgang anzuzweifeln.
Der Antrieb und die Kontrolle lagen ausschließlich in den Händen der
Übermenschlichen. Die Kontaktkommission war nicht in der Lage, irgendetwas
Ungewöhnliches in die Wege zu leiten – ihre Mitglieder waren im Grunde
passive Empfänger dieses höchst ungewöhnlichen Projekts. Sie hatten
ihre aktiven Rollen, aber ihre Aktivitäten waren menschlich und normal, nicht
mystisch. Und sie blieben allem Okkulten oder Ungewöhnlichen gegenüber
skeptisch.
Sie erlebten die einzigartige Abwicklung einer epochalen Offenbarung, interessierten
sich aber nicht für die vielen Episoden persönlicher Offenbarung (viele
davon nicht minder authentisch oder teilweise authentisch), die ständig um
uns herum stattfinden.
Obwohl die Kontaktkommission die Schnittstelle zu den Übermenschlichen bildete
und die eigentliche Hüterin der Urantia-Schriften war, bestand die Methodik
der Offenbarer darin, eine größere Gruppe von Menschen einzusetzen.
Diese Gruppe war das Forum, das für die Entstehung der Offenbarung eine ganz
entscheidende Rolle spielte.
Dies war ein evolutionärer Prozess, dessen Grundlage das Verständnis
und die Erfahrung von Menschen bildete. Jede Offenbarung muss sich auf den Entwicklungsstand
der Menschen herunterbegeben, wenn sie effizient sein soll. Die Übermenschlichen
brauchten die Menschen des Forums genauso, wie diese Menschen himmlische Führung
brauchten.
Das Forum wurde von Dr. Sadler gegründet, der »ein paar Freunde«
sonntagnachmittags zu sich nach Hause einlud, um interessante, aktuelle Themen
aus den Bereichen Religion, Philosophie, Psychologie und Wissenschaft zu diskutieren.
Es bestand wahrscheinlich rund ein Jahr, ohne dass von der Offenbarung etwas einfloss.
Seine Mitglieder hatten daher schon eine gewisse Eigendynamik in Gang gesetzt,
bevor sie über den (aus der Sicht der Übermenschlichen) wahren Zweck
der Zusammenkünfte unterrichtet wurden.
Als ihnen im Dezember 1924 der Auftrag durch Melchizedek offenbart wurde, erfuhren
sie von ihrer Rolle bei dem Geschehen.
Eines Sonntags fragte ein Forumsmitglied Dr. Sadler, was er von einem spiritistischen
Medium halten würde, das in einem der örtlichen Theater auftrat. Dr.
Sadler erwiderte, er hätte viele dieser Medien untersucht und festgestellt,
dass sie entweder unredliche Schwindler oder ehrliche, aber einer Selbsttäuschung
erlegene Menschen wären, deren Unterbewusstsein sie zu dem Glauben verleitete,
sie würden Informationen aus der Geisterwelt erhalten. Dann fügte er
hinzu: »Es gibt ein Medium, aus dem ich allerdings noch nicht schlau geworden
bin.«
Die Gruppe wollte natürlich etwas über diesen Menschen wissen, der die
Kontaktpersönlichkeit für die Urantia-Schriften war. Dr. Sadler teilte
einige der Informationen mit, die er im Laufe der Jahre erhalten hatte, oder –
wie Lena Sadler sagte – »er packte aus«.
Ungefähr zur gleichen Zeit forderte eine Persönlichkeit, die sich als
studentischer Besucher der Erde ausgab, die Kontaktkommission mit den Worten heraus:
»Wenn ihr wüsstet, mit wem ihr in Kontakt wärt, würdet ihr
nicht solche banalen Fragen stellen. Ihr würdet eher solche Fragen stellen,
die Antworten von höchstem Wert für die menschliche Rasse auslösen
könnten.«
Dem Forum wurde also diese Anregung gegeben, und die Mitglieder begannen, Fragen
zu unterbreiten. Dr. Sadler brachte die Fragen in ein System. Die erste Frage,
die vorgelegt wurde, lautete: »Gibt es einen Gott; und wenn ja, wie ist
er?«
Die Schriften trafen ein.
Es entwickelte sich folgendes Vorgehen: Jeden Sonntagnachmittag lasen sie eine
Schrift. Gewöhnlich wurde sie ihnen von einem Mitglied der Kontaktkommission
vorgelesen, im Allgemeinen Dr. Sadler. Sie schrieben alle Fragen auf, die ihnen
in den Sinn kamen, und reichten sie jede Woche ein. Normalerweise war Mr. Kellogg
für das Einsammeln zuständig. Diese Fragen wurden anschließend
gesichtet, geordnet und Doppeltes aussortiert.
Die übermenschlichen Offenbarer überlegten sich dann Antworten, die
in eine nachfolgende Schrift oder in eine Bearbeitung der ursprünglichen
Schrift aufgenommen wurden. Auf diese Weise wuchs eine Abhandlung über Gott
sich schließlich zu fünf Abhandlungen über Gott aus – die
ersten fünf Schriften im Buch.
Ganz ähnlich erweiterten sich auch noch andere Teile, wenn die Übermenschlichen
die Reaktion der Menschen auf ihr Material überwachten.